Zwischen zwei Rhythmen – oder wie aus Übergang Zuhause wird (Teil2)

Ankommen ist so ein Wort, das klingt, als hätte jemand einen Haken dahinter gesetzt. Erledigt. Geschafft. Jetzt bitte bleiben.

In Wirklichkeit passiert es selten so ordentlich.

Es gibt keinen Moment, in dem man aufwacht und denkt: so, das war’s, ich bin jetzt angekommen. Eher ist es ein Prozess, der sich leise einschleicht und dabei so unauffällig ist, dass man ihn erst bemerkt, wenn er längst passiert ist.

Am Anfang ist alles noch Übergang.

Auch als ich zurück nach Thassos kam, war da nichts Endgültiges. Es war eher ein Wiederaufnehmen. Bekannte Wege, vertraute Abläufe, Gesichter, die man schon kennt – und trotzdem hat alles diesen leichten Effekt, als würde man kurz wieder lernen müssen, wie Dinge hier funktionieren, obwohl man es eigentlich längst weiß.

Alles wirkt leicht. Fast zu leicht.

Und genau das ist der Trick daran.

Leichtigkeit fühlt sich oft nach vorübergehend an, obwohl sie manchmal genau das Gegenteil ist.

Ich lebte weiter wie vorher, arbeitete, organisierte, traf Menschen, lachte, regte mich über Kleinigkeiten auf – also im Grunde ganz normal, nur an einem anderen Ort. Und vielleicht war genau das der Punkt: dass „normal“ sich langsam verschoben hat, ohne dass jemand offiziell Bescheid gesagt hat.

Innerlich begann sich etwas zu verändern, ohne große Ansage.

Ich hörte auf zu vergleichen. Oder besser gesagt: ich hörte auf, es ständig laut im Kopf zu kommentieren. Dieses „bei uns ist das anders“ wurde leiser, bis es irgendwann nur noch ein Gedanke war, der kurz auftauchte und dann wieder verschwand.

Und irgendwann steht man nicht mehr daneben und beobachtet sich selbst beim Ankommen, sondern ist einfach mittendrin – und merkt es meistens erst im Rückblick.

Ankommen passiert nicht in großen Momenten. Es passiert in den kleinen, unscheinbaren Situationen, in denen man aufhört, innerlich noch irgendwo auf der Durchreise zu sein.

Zum Beispiel, wenn man nicht mehr ständig das Gefühl hat, bald wieder zu gehen.

Oder wenn man aufhört, gedanklich alles in „nur für jetzt“ einzuordnen.

Oder ganz banal: wenn man aufhört, Kisten gedanklich halb offen zu lassen.

Früher war alles temporär gedacht. Jeder Ort hatte ein inneres Ablaufdatum, auch wenn niemand es ausgesprochen hat. Jetzt war da plötzlich etwas, das sich nicht mehr nach Ende anfühlte – nicht, weil es für immer war, sondern weil diese Frage irgendwann einfach keine Rolle mehr spielte.

Und irgendwann wurde daraus etwas sehr Konkretes.

Wir blieben.

Griechenland war nicht mehr Einsatz, sondern der Ort, an dem unser Leben stattfand. Das Wort Zuhause kam irgendwann dazu, erst vorsichtig, fast testweise, als würde man prüfen, ob es passt.

Wir haben geheiratet.

Kein großes Ereignis im Film-Sinn, eher eine dieser Entscheidungen, bei denen man hinterher denkt: ja, das war jetzt eigentlich nur logisch. Und dann macht man einfach weiter wie vorher – nur mit einem anderen Papier und einem gemeinsamen Nachnamen, der sich am Anfang noch leicht ungewohnt anfühlt.

Das eigentliche Verschieben kam dann, wie so oft, nicht geradeaus, sondern über Umwege.

Zuerst war da der Hund, unsere Suzie.

Wir haben sie auf Skiathos kennengelernt, während eines Sommereinsatzes. Sie war einfach da, Teil dieses Ortes, Teil dieses Sommers, und hat sich dann irgendwie ins Leben geschlichen, ohne dass man es bewusst entschieden hätte.

Sie hatte diese Art, nicht aufzufallen und trotzdem irgendwann selbstverständlich da zu sein, was rückblickend eigentlich die gefährlichste Kombination überhaupt ist.

Sie dort zu lassen war irgendwann keine Option mehr.

Also haben wir sie adoptiert und mit nach Thassos genommen.

Und so kam sie mit uns zurück – nicht als Plan, sondern als Entscheidung, die sich eher wie etwas anfühlte, das längst feststand, bevor jemand es ausgesprochen hat.

Und mit einem Hund wird vieles plötzlich sehr konkret.

Vor allem, wenn man in einem kleinen Studio lebt, das gleichzeitig Wohnraum, Schlafzimmer, Küche und gelegentlich auch Lagerfläche ist, je nach Tagesform. Irgendwann wurde klar: so funktioniert das nicht auf Dauer. Hunde haben wenig Verständnis für kreative Wohnkonzepte.

Also brauchte es Platz.

Mehr Raum.

Vielleicht ein Grundstück. Nur vorübergehend gedacht, ganz pragmatisch.

So wie man Dinge nennt, die man sich selbst noch als „nicht endgültig“ verkaufen möchte.

Also kam die Suche nach einem Grundstück.

Und wie das mit solchen pragmatischen Zwischenlösungen ist, bleibt es selten dabei. Aus dem Grundstück wurde irgendwann ein Haus. Nicht als große Entscheidung, sondern als eine Art schleichende Logik, bei der man irgendwann feststellt, dass man längst viel weiter ist, als der ursprüngliche Plan jemals vorgesehen hatte.

Rückblickend sind das oft die Momente, die sich währenddessen völlig normal anfühlen und später so wirken, als hätte jemand die Richtung geändert, ohne es anzukündigen.

Mit dem Haus wurde es jedenfalls schwieriger, sich einzureden, dass alles nur vorübergehend ist. Häuser haben diese unangenehme Eigenschaft, sehr konsequent stehen zu bleiben.

Und genau in diesem neuen Rahmen wurde auch ein Gedanke konkreter, der vorher eher im Hintergrund mitgelaufen ist:

Kinder.

Nicht als große Idee, sondern als Bild. Kinder, die genau hier durch diesen Garten laufen, der vorher einfach ein Garten war und dann plötzlich ein Ort wurde, an dem etwas passieren soll.

Es dauerte.

Länger, als man denkt. Warten ist eine eigene Form von Zeit. Man lebt weiter, aber ein Teil bleibt irgendwo hängen und tut so, als würde es gleich wieder aufholen.

Und dann kam es nicht vorsichtig, nicht halb.

Sondern doppelt.

Zwei Mädchen. Zwillinge.

Und plötzlich ist nichts mehr theoretisch. Kinder sind sehr konsequent darin, jeden Gedanken an „später“ sehr schnell zu ersetzen durch „jetzt“.

Und dieser Garten?

Der wurde benutzt. Laut, chaotisch, lebendig. Genau so, wie man es sich irgendwann einmal vorgestellt hatte – nur ohne jede Möglichkeit, den Ablauf zu kontrollieren.

Die Katzen waren da längst auch Teil des Ganzen geworden. Sie hatten sich eingerichtet, als hätten sie von Anfang an gewusst, dass das hier ihr Revier ist, und sehen das bis heute vermutlich genauso.

Und während sich all das im Außen veränderte, lief parallel etwas, das mindestens genauso viel Zeit, Geduld und gelegentlich auch leise Selbstironie gebraucht hat:

die Sprache.

Am Anfang waren es einzelne Wörter, kleine Sätze, viel Zeigen, viel Lächeln, viel Improvisation. Und immer wieder diese sehr freundliche Dynamik, dass Gespräche automatisch in eine mir verständliche Sprache wechselten, sobald ich dabei war – gut gemeint, aber mit dem Effekt, dass man sich selbst erst einmal wieder in die Mitte des Gesprächs kämpfen muss.

Es dauerte, bis sich das änderte.

Bis Gespräche einfach weiterliefen.

Bis niemand mehr automatisch umschaltete.

Bis ich nicht mehr nur verstand, sondern selbst mitsprach.

Erst langsam, dann selbstverständlich.

Und irgendwann kam der Moment, in dem ich merkte, dass ich in dieser Sprache arbeitete. Ich organisierte, erklärte, reagierte – ohne vorher im Kopf zu übersetzen. Nicht perfekt, aber ausreichend. Und irgendwann ist genau das der Punkt, an dem Sprache aufhört, ein Thema zu sein.

Und genau da verschiebt sich wieder etwas.

Ich bin nicht mehr nur hier.

Ich funktioniere hier.

Und vielleicht ist das der ehrlichste Teil daran – nicht romantisch, aber stabil genug, um zu tragen.

Ich bin angekommen. Und gleichzeitig komme ich bis heute noch an.

Es gibt immer noch Momente, in denen ich nach Worten suche oder Dinge nicht sofort verstehe. Meistens genau dann, wenn es gerade unpraktisch ist. Aber sie bestimmen nicht mehr das Ganze, sie sind eher kleine Unterbrechungen in etwas, das längst seinen eigenen Rhythmus gefunden hat.

Dazu kommen all die offiziellen Dinge, die einem sehr zuverlässig zeigen, dass man jetzt wirklich Teil eines Systems ist – ob man sich innerlich schon angemeldet hat oder nicht.

Die ersten Behördengänge zum Beispiel.

Formulare, Schalter, Stempel, Wartenummern und dieses stille Vertrauen, dass man schon irgendwie weiß, was man tut. Tut man natürlich nicht. Aber das merkt man meist erst, wenn man schon mittendrin sitzt.

Die griechische Steuernummer, die AFM, die sich anfühlte wie der Moment, in dem das Leben sagt: gut, jetzt bist du offiziell dabei. Und später die Versicherungsnummer, die AMKA, die einem sehr nüchtern bestätigte, dass man jetzt dazugehört – unabhängig davon, ob man innerlich schon vollständig umgezogen war oder noch mental pendelt.

Es waren keine großen Momente. Eher sehr praktische. Aber genau deshalb bleiben sie hängen.

Weil sie nichts feiern – sondern festhalten.

Und irgendwann ergibt sich daraus etwas, das sich nicht mehr wie eine Zwischenlösung anfühlt, sondern wie ein Leben, das bleibt.

Nicht perfekt, nicht abgeschlossen, aber stabil genug, um nicht mehr ständig in Frage gestellt zu werden.

Vielleicht ist genau das Ankommen.

Kein einzelner Moment, sondern ein Zustand, der sich immer wieder neu sortiert, während man längst darin lebt.

Und irgendwann sitzt man da, vor dem Haus in diesem Garten, hört vertraute Geräusche, zwei Kinderstimmen im Hintergrund, ein Hund, der sehr eindeutig signalisiert, dass jetzt Bewegung angesagt ist, Katzen, die das komplett ignorieren, und einen Alltag, der sich nicht mehr planen lässt, weil er längst läuft.

Und dann merkt man, ganz unspektakulär:

Ich bin nicht mehr unterwegs.

Ich bin hier.

Und ein kleines bisschen komme ich immer noch an.

Vielleicht ist Ankommen nur der Moment, in dem man aufhört zu planen, bald wieder zu gehen, und anfängt, Dinge zu kaufen, die man nicht mehr so leicht einpacken kann.

Und nach dem Ankommen kam das Bleiben – nicht geplant, nicht beschlossen, eher so, wie Dinge eben passieren, wenn man kurz nicht aufpasst.


Entdecke mehr von Das Reisefieber

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert