Keine Auswanderung, wie sie viele verstehen – kein Entschluss, kein Transporter vor der Tür, kein klarer Schnitt, bei dem man noch einmal bewusst zurückblickt, bevor alles anders wird. Eher etwas, das sich einschleicht. Ein Leben, das sich bewegt, bevor man selbst verstanden hat, dass es schon losgegangen ist.
Manchmal beginnt ein Leben nicht mit einer Entscheidung, sondern mit dem Moment, in dem man merkt, dass man gerade dabei ist, keine zu treffen – und dass genau dieses Nicht-Entscheiden später alles verändert, ohne dass es damals schon wie ein Anfang gewirkt hat.
Ich habe nie beschlossen auszuwandern. Es gab keinen Plan, keinen großen Moment, kein „ab morgen ist alles anders“. Eher ein Weitergehen ohne wirkliches Stehenbleiben, ein Leben, das sich verschiebt, während man noch denkt, man sei nur unterwegs zwischen zwei Phasen.
Nach dem Studium wollte ich einfach weg. Nicht endgültig, eher so ein diffuses Gefühl, dass das Leben größer sein müsste als das, was ich bis dahin kannte. Ich konnte nicht sagen, was genau fehlte, nur dass ich nicht bleiben wollte, wo ich war.
Das ist im Nachhinein ein erstaunlich häufiger Ausgangspunkt für ziemlich langfristige Veränderungen.
Und dann kam diese Anzeige: „dort arbeiten, wo andere Urlaub machen“. Ein großer Reiseveranstalter suchte Reiseleiter.
Ein Satz, der eigentlich schon verdächtig ist. Aber damals klang er eher nach einer pragmatischen Idee als nach einem Lebensentwurf. Eher nach: ausprobieren, ein bisschen rauskommen, vielleicht ein bisschen Sonne, und im Zweifel wieder zurück.
Warum eigentlich nicht.
Rückblickend war das wahrscheinlich der unauffälligste Wendepunkt meines Lebens. Vor allem, weil er sich nicht wie einer angefühlt hat. Eher wie eine logische Zwischenlösung mit Gehalt.
Ich wurde Reiseleiterin, und plötzlich bestand mein Leben aus Saisons. Jedes Mal ein anderes Land, ein anderes Hotel, ein anderes Büro, in dem man erst herausfindet, wo der Drucker steht, und dann wieder verschwindet, bevor man ihn je wirklich in Ruhe benutzen konnte.
Irgendwann wird dieses Wechseln nicht mehr besonders. Es wird einfach normal. Man kommt an, lernt Namen, Abläufe, trifft Busfahrer, die freundlich sind, und solche, die schon im Vorfeld signalisieren, dass sie heute keine Fragen beantworten werden. Man richtet sich ein, ohne sich wirklich einzurichten, und genau in dem Moment, in dem es sich vertraut anfühlt, steht schon wieder die Abreise bereit.
Und so entsteht etwas, das man irgendwann nicht mehr richtig erklären kann: ein Leben dazwischen.
Nicht ganz hier, nicht ganz dort, aber erstaunlich gut organisiert im Dazwischen. Immer unterwegs, aber nie ohne Verbindung. Man lernt, sich schnell einzurichten, ohne sich festzulegen, und Alltag in etwas zu finden, das eigentlich nur auf Zeit gedacht ist.
Und jedes Mal wiederholt sich derselbe leise Bruch: Alles ist vertraut und gleichzeitig begrenzt. Man weiß, dass es endet, noch bevor es richtig begonnen hat – und lebt es trotzdem.
Der Abschied kommt immer ein bisschen zu früh und ein bisschen zu schwer. Und irgendwann merkt man, dass man erstaunlich gut darin geworden ist, „wir bleiben in Kontakt“ zu sagen, obwohl beide wissen, dass das eine optimistische Formulierung ist.
Nur einmal bin ich länger geblieben.
In Kenia. Zwei Jahre.
Das klingt inzwischen fast wie Sesshaftigkeit im eigenen System.
Ich erinnere mich noch an diesen ersten Moment des Ankommens. Nicht spektakulär, eher still. Als würde sich innerlich etwas sortieren, ohne dass man es bewusst macht. Kein großes Gefühl, eher ein leises: okay, das könnte funktionieren.
Ein Gefühl von Heimat, das einfach da ist, ohne dass es vorher einen Antrag gestellt hat.
Und gleichzeitig war da immer etwas anderes. Meine helle Haut. Etwas, das im Alltag erst völlig nebensächlich wirkt, bis es plötzlich Bedeutung bekommt, ohne dass man sie selbst eingeladen hat.
In Kenia wurde ich anders gelesen. Oft als jemand mit Möglichkeiten, mit einem anderen Leben im Hintergrund, mit Projektionen, die nie ganz meine waren. Und egal wie normal ich mich selbst gerade fühlte – ich war nie nur das, was ich war. Immer auch das, was andere in mir sahen.
Ganz dazugehört hat man nie. Nicht ausgeschlossen, eher ständig eingeordnet.
Und trotzdem war da so viel Echtes, so viel Alltag, so viel Lachen, dass genau dieses Dazwischen irgendwann einfach normal wurde.
Vielleicht ist genau das dieser Zustand: nicht ganz hier und nicht ganz dort, aber trotzdem mittendrin.
Also bin ich weitergezogen wie immer. Nur dass diesmal etwas geblieben ist, das sich nicht einfach wegsortieren ließ.
Kenia war keine Station mehr, eher ein Kapitel, das sich geweigert hat, sauber zu enden.
Aber das Leben richtet sich selten nach inneren Nachklängen. Es bucht einfach den nächsten Einsatz.
Griechenland war nie Teil irgendeiner Planung. Wenn ich mein Leben hätte entwerfen sollen, wäre es dort ziemlich sicher nicht aufgetaucht.
Und dann kam es trotzdem.
Nicht als Ziel, eher als Einsatz.
Thassos.
Ein Sommerjob, mehr nicht. So war es gedacht.
Nur dass das Leben sich selten an solche Pläne hält.
Auf Thassos war er da. Nicht plötzlich, nicht wie im Film, eher einfach im Alltag, zwischen Bürozeiten, Listen und Gesprächen, die eigentlich nur dazu da sind, den Tag zu strukturieren.
Man sieht sich, man arbeitet zusammen, man teilt Räume, die nicht dafür gedacht sind, dass etwas beginnt – und genau deshalb manchmal perfekt dafür sind.
Ich habe mich am Anfang zurückgehalten. Aus Erfahrung, aus Vorsicht, und auch aus dieser leicht müden Professionalität heraus, Dinge erst einmal nicht zu ernst zu nehmen, solange sie noch im selben Büro stattfinden wie der Drucker.
Ich war unterwegs wie immer, nur dass dieses Unterwegssein sich diesmal nicht mehr so klar vom Dazwischen trennen ließ.
Und irgendwann wird Distanz in solchen Situationen eher theoretisch. Nicht, weil man sie bewusst aufgibt, sondern weil der Alltag sie einfach langsam auflöst.
Am Ende der Saison war die Abreise wie immer gesetzt. Koffer, Abschiede, dieses vertraute Gefühl, gleich wieder jemand zu sein, der irgendwo neu anfängt.
Aber diesmal blieb etwas offen.
Ich bin gegangen, ohne wirklich wegzugehen.
Etwas blieb zurück, ohne dass es einen Namen brauchte, aber deutlich genug, um mitzuwirken.
Und während ich an anderen Orten ankam, war ich nicht mehr ganz dieselbe wie vorher, ohne dass ich hätte sagen können, warum.
Irgendwann wurde aus diesem ständigen Wechsel kein reines Weitergehen mehr, sondern etwas, das eine Richtung bekommen hatte, auch wenn niemand sie bewusst gewählt hatte.
Ein Teil von mir blieb in Thassos hängen.
Dann kam der Winter, Teneriffa, wieder Arbeit als Reiseleiterin. Wieder neue Menschen, neue Abläufe, neue Versuche, sich in kurzen Abständen ein kleines Leben auf Zeit aufzubauen.
Und dort verschob sich etwas.
Er kam mich besuchen. Nicht als Entscheidung, nicht als großer Moment, eher als etwas, das einfach dazugehört. Und genau dadurch wurde es klarer, weil es außerhalb des gewohnten Rhythmus stattfand, in Zeit, die nicht sofort wieder weiter musste.
Und diese Zeit verändert etwas. Nicht abrupt, nicht sichtbar, eher im Nachhinein, wenn man wieder in den alten Rhythmus zurückkehrt und merkt, dass er nicht mehr ganz derselbe ist.
Ich arbeitete weiter, er war da, wir verbrachten Zeit miteinander, und auch wenn es keinen einzelnen Moment gab, an dem sich etwas eindeutig entschied, verschob sich das innere Gleichgewicht langsam in eine Richtung, die nicht mehr nur nach Zwischenzeit aussah.
Im Sommer ging ich zurück nach Thassos.
Und dort schloss sich der Kreis nicht als Ereignis, sondern eher als Erkenntnis, dass alles schon länger in Bewegung gewesen war, als man es währenddessen wahrgenommen hatte.
Ort, Alltag, Menschen – alles war wieder da. Und gleichzeitig war da etwas, das sich nicht mehr einfach zurücksortieren ließ.
Denn dieses Leben zwischen Orten, das sich so lange wie reine Bewegung angefühlt hatte, begann sich zu verdichten. Es bekam eine Richtung, auch wenn niemand sie bewusst gewählt hatte. Es war nicht mehr nur ein „hier und dann weiter“, sondern etwas, das blieb, auch wenn sich alles andere veränderte.
Vielleicht war genau das der Punkt, an dem man merkt, dass das Dazwischen nicht mehr nur Übergang ist, sondern selbst zu etwas geworden ist, das trägt.
Es wurde nicht ausgesprochen. Es geschah eher als inneres Einrasten, ohne dass es einen klaren Moment dafür gab. Eher so selbstverständlich, dass man fast vergisst, dass es einmal offen gewesen war.
Und irgendwann war es einfach so, dass das Nicht-Entscheiden, mit dem alles begonnen hatte, nicht mehr offen im Raum stand, sondern Teil von etwas geworden war, das längst seinen Weg gefunden hatte – nur ohne den einen Augenblick, in dem es sich so angefühlt hatte.
Vielleicht war genau das der Anfang von allem.
Vielleicht ist Auswandern kein bewusster Schritt, sondern der Moment, in dem das Leben anfängt, sich zu bewegen, bevor man selbst weiß, dass man schon unterwegs ist.
Und nach dem Bleiben kam das Ankommen – irgendwann, wie es eben so passiert, aber das ist ein anderer Teil dieser Geschichte.
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