14 Jahre ohne dich – zwischen Ägäis und Erinnerung

Heute ist der 14. Todestag meiner Mutter. Und wenn ich aus dem Fenster auf die Ägäis schaue, rechne ich kurz nach: Ich bin seit 26 Jahren in Griechenland.

Eigentlich müsste ich inzwischen die personifizierte Gelassenheit sein. Ich müsste beim Autofahren wild gestikulieren, Termine als vage Empfehlungen betrachten und den Syrtaki im Schlaf beherrschen. Aber Pustekuchen.

Nach über einem Vierteljahrhundert unter griechischer Sonne bin ich immer noch diejenige, die versucht, dem Alltag eine gewisse Linie zu geben, während um mich herum das Leben seinen eigenen Rhythmus tanzt. Mein innerer Kompass bemüht sich weiterhin, im Takt zu bleiben, während das griechische Chaos fröhlich jede Choreografie verweigert.

Ich suche immer noch die griechische Seite in mir. Den Teil, der einfach mal entspannt die Schultern zuckt, wenn das Amt drei Wochen für eine kurze Weltreise braucht. Aber Mutti hat mir das so tief eingeprägt, dass ich selbst nach 26 Jahren hier wie eine deutsche Funkstreife durch mein eigenes Leben patrouilliere – immer auf Empfang, immer ein bisschen zu wach für mein eigenes Wohlbefinden.

Früher war diese Zeit im Jahr gesetzt: Mutti und Vati kamen zu Besuch. Das war die Zeit, in der mein „deutsches Ich“ Hochkonjunktur hatte. Alles wurde vorbereitet, als stünde ein wichtiger Staatsbesuch bevor. Man wollte ja zeigen, dass man im „wilden Süden“ nicht völlig der mediterranen Improvisation verfallen ist.

Heute, 14 Jahre ohne diese Besuche, merke ich: Diese innere Ausrichtung ist geblieben – nicht als Pflicht, sondern als Erinnerung. Als etwas, das mich erdet. Vielleicht auch als mein stiller Weg, meiner Mutter nahe zu sein.

Während meine griechischen Nachbarn manchmal denken, ich würde alles zu ernst nehmen, weiß ich: Das ist meine Art von Heimatgefühl. Eine unsichtbare Verbindung, die geblieben ist.

Mutti liebte den griechischen Frühling. Dieses klare Licht, das alles weicher macht, die Luft voller Versprechen, die Bougainvillea, die plötzlich explodiert, als hätte jemand Farbe in die Landschaft gegossen. Genau dieses Licht steht heute wieder über allem.

Mutti, ich vermisse unsere gemeinsamen Wochen hier. Das Fachsimpeln über die griechischen Eigenheiten bei einer Tasse Filterkaffee (den Du selbstverständlich aus Deutschland importiert hattest). Und wie selbstverständlich hast Du in dieser Zeit die Küche übernommen und uns mit all den deutschen Gerichten versorgt, die ein Stück Heimat in den Süden gebracht haben – als würde mit jedem Essen die Verbindung nach Hause ein kleines bisschen weiter atmen.

Heute, an deinem 14. Todestag, mache ich es wie immer: Ich lasse den Tag ruhig beginnen, schaue in die Frühlingssonne, die du so geliebt hast, und bleibe einen Moment stehen zwischen zwei Welten. Danach trinke ich ein Glas Wein auf dich. Und vielleicht erlaube ich mir dabei ein klitzekleines bisschen griechische Wehmut – gerade so viel, dass sie schön bleibt und nicht schwer wird.

Auf Dich, Mutti! Jamas!

Meine Mutter liebte den griechischen Frühling sehr – dieses Licht, das alles leichter wirken lässt. Für sie war er auch immer der Moment, in dem die Socken endgültig aufgegeben wurden und die warme Zeit offiziell begann. Ein kleines, stilles Ritual, das sich bis heute in meiner Erinnerung hält.


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One thought on “14 Jahre ohne dich – zwischen Ägäis und Erinnerung

  1. Auch ich hebe mein Glas „Felsquellen- wasser“ (Sorry, bin noch in der Reha)
    Und trinke auf Deine Mutti, die immer in meinem Herzen für ihre fröhliche und liebevolle Art bleibt. Ich werde nie vergessen, wie lieb sie sich um mich gekümmert hat von dem Moment an,
    als ich Bremen-Hauptbahnhof erreichte.

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