Zwischen zwei Rythmen – und das Dazwischen bleibt (Teil 4)

Und irgendwann merkt man, dass Bleiben nicht bedeutet, dass alles eindeutig wird. Im Gegenteil, vieles wird mit der Zeit einfacher: Sprache, Alltag, Abläufe. Man weiß irgendwann, wo man hingehen muss, wen man fragt und bei welcher Behörde man besser nicht ohne Zeit, Geduld und idealerweise Kaffee auftaucht. Man lebt hier ganz praktisch, und gerade dadurch fallen die Dinge auf, die trotzdem geblieben sind – nicht groß oder dramatisch, eher wie innere Automatismen, die sich nie ganz umgestellt haben.

Das Dazwischen bleibt nicht nur gefühlt oder theoretisch, sondern auch im Praktischen. Ich merke das oft an völlig banalen Situationen, zum Beispiel daran, dass ich immer noch automatisch zu früh irgendwo bin. Nicht absichtlich, eher reflexartig, dieses Gefühl, lieber zehn Minuten zu warten als jemanden warten zu lassen, sitzt erstaunlich tief. Wobei „zu früh“ dabei oft nicht einmal wirklich früh bedeutet, eher dieses innere Bedürfnis, mindestens eine Minute vorher da zu sein, nicht hektisch hineinzulaufen, nicht im letzten Moment, sondern einfach bereit zu sein, wenn etwas beginnt.

Inzwischen ist das längst ein Running Gag geworden: „Die Katja ist immer pünktlich.“ Wobei pünktlich hier manchmal schon als leicht übermotiviert gilt. Ich selbst finde es eher beruhigend als heldenhaft – aber das sieht vermutlich nur jemand so, der nicht innerlich schon drei Szenarien durchspielt, während andere noch die Tasche suchen.

Besonders bei der Arbeit zeigt sich das sehr zuverlässig. Arbeitsbeginn um neun bedeutet für mich nicht, dass man dann erst anfängt, sich langsam in den Tag zu bewegen, sondern dass die Systeme dann längst laufen. E-Mails sind offen, Listen bereit, der Kopf sortiert. Neun Uhr ist kein Startsignal, sondern ein Zustand, in dem man eigentlich schon funktionieren sollte. Alles andere fühlt sich für mich ehrlich gesagt leicht nach Chaos mit Ansage an – was hier wiederum niemanden besonders beeindruckt.

Dieses innere Programm hört aber nicht bei Uhrzeiten auf. Ich merke das auch beim Einkaufen, wo immer noch dieses leise Sicherheitsgefühl mitläuft, lieber noch eine Packung extra zu nehmen, man weiß ja nie. Ich kann nicht einmal genau sagen, wofür eigentlich – nur dieses diffuse Gefühl, dass man Dinge besser doppelt hat als einmal zu wenig.

Passiert ist es natürlich nie. Noch nie ist gleichzeitig alles leer geworden, was ich vorsorglich verdoppelt habe. Trotzdem fühlt sich das Aufbrauchen von Dingen bis zum letzten Rest immer noch leicht riskant an, als würde man damit irgendeine unsichtbare Grenze überschreiten.

Ein Teil davon kommt nicht nur aus Gewohnheit, sondern aus den Anfangsjahren hier. Damals gab es auf der Insel noch hauptsächlich kleine lokale Supermärkte. Vieles war da, aber eben nicht alles. Und manches war manchmal da und manchmal nicht, ohne jede Vorwarnung oder Logik, die ich verstanden hätte.

Alle vier bis sechs Wochen ging es deshalb aufs Festland. Großeinkauf im Discounter. Rückblickend war das weniger Einkaufen als eine Art logistischer Zustand. Man plante Vorräte, nicht Mahlzeiten. Man überlegte nicht „Was esse ich diese Woche?“, sondern eher „Was könnte in den nächsten Wochen plötzlich fehlen?“

Und dann schob man einen Einkaufswagen durch die Gänge mit der inneren Haltung einer kleinen Versorgungsexpedition. Nur ohne Uniform, aber mit sehr ernstem Blick.

Am Ende stand man an der Kasse mit Mengen, die leicht den Eindruck machten, man bereite entweder einen Wintervorrat vor oder habe vor, eine sehr große, sehr hungrige, sehr organisierte Wohngemeinschaft zu versorgen.

Dieses Denken ist geblieben. Nicht aus Angst, eher aus Erfahrung – und wahrscheinlich auch aus Bequemlichkeit, weil es sich irgendwann einfach eingebrannt hat. Wenn man heute nach Thessaloniki fährt und dort in einem gut sortierten Laden mit deutschen Produkten plötzlich Leberwurst entdeckt, bleibt es selten bei einem Stück – wenn man nicht sogar im Vorfeld Unmengen zum Abholen bestellt hat. Dann wird daraus schnell ein Kilogramm, das zuhause in Portionen geschnitten und eingefroren wird, als wäre es ein kleines logistisches Wunder aus der alten Welt.

Und irgendwo zwischen „praktisch“ und „leicht absurd“ führt man dann tatsächlich Gespräche mit sich selbst. Dinge wie: „Die gute Leberwurst wird jetzt nicht angerührt.“ Nicht heute. Nicht für diesen normalen Dienstag. Sondern für einen imaginären besseren Moment, der vermutlich nie exakt definiert wird.

Ähnlich ist es mit Dingen aus Deutschland. Geliermittel für Marmelade, Vanillezucker, bestimmte Kaffeesorten. Alles Dinge, die früher einfach im Schrank standen und keinerlei emotionale Bedeutung hatten. Heute bekommen sie plötzlich Lagerstatus. Nicht, weil sie selten sind, sondern weil sie sich plötzlich anfühlen wie ein Stück Verlässlichkeit.

Es ist ein seltsamer Besitz. Praktisch und gleichzeitig ein bisschen sentimental, ohne dass man das laut zugeben würde. Ein Vorrat an etwas Vertrautem, das früher selbstverständlich war und heute fast schon leicht übertrieben gut organisiert wird – als hätte man Angst, dass selbst Vanillezucker irgendwann auswandert.

Und manchmal ist genau das das Merkwürdige am Dazwischen: dass aus Selbstverständlichem kleine Schätze werden, und man selbst dabei ein bisschen zu der Person wird, die Dinge hortet, die sie früher nicht einmal bemerkt hätte.

Diese kleinen Vorräte bleiben nicht im Küchenschrank. Und ja – sie tragen auch dieses alte Gefühl mit sich, besser vorbereitet zu sein als überrascht. Ein Gefühl, das sich erstaunlich schwer ablegt, selbst wenn das Leben längst aufgehört hat, einen regelmäßig zu überraschen.

Und dieses Prinzip endet nicht bei Lebensmitteln. Auch Vorstellungen davon, wie Dinge funktionieren sollten, reisen sehr zuverlässig mit. Besonders wenn es um Zeit geht.

Hier ist eigentlich vieles Last Minute. Und ich erinnere mich noch sehr genau an meine erste Saison, als mich das ehrlich gesagt ziemlich überfordert hat. Einen Tag bevor die ersten Gäste ankamen, haben wir eine Runde durch die Hotels gemacht.

Kein einziges Hotel war fertig.

Matratzen standen zum Lüften, Maler waren noch mitten in der Arbeit, Putzkräfte liefen gleichzeitig durch die Flure, Techniker versuchten Klimaanlagen in Gang zu bringen, Lieferanten schleppten Lebensmittel, Stühle wurden gestrichen, Tische repariert – und ich stand daneben mit diesem sehr naiven inneren Kommentar: „Das kann doch nicht morgen öffnen.

Für mich sah das aus wie ein Zustand zwischen Baustelle, Improvisationstheater und kollektivem Optimismus.

Das Erstaunlichste war aber nicht das Chaos, sondern die Ruhe darin. Niemand wirkte so, als würde gleich etwas auseinanderfallen. Im Gegenteil – es war eine Art entspannter Stress, der mich damals ziemlich irritiert hat. Ich war innerlich längst fünf Eskalationsstufen weiter, während andere noch über Farben diskutierten oder sich Kaffee holten.

Und am Ende war es dann natürlich irgendwie fertig. Nicht perfekt, nicht geschniegelt, aber ausreichend. Und während die ersten Gäste schon ankamen, wurde hinter Türen, Pflanzen und halb versteckten Absperrungen noch gearbeitet.

Bis heute ist mir nicht wirklich klar, warum vieles erst dann passiert, wenn es eigentlich schon fast zu spät ist. Und warum sich dann alle gemeinsam über den Stress wundern, der daraus entsteht, als wäre er zufällig vom Himmel gefallen.

Mit der Zeit habe ich verstanden, dass es weniger Unorganisiertheit ist als eine andere Logik von Vorbereitung. Dinge werden nicht früh fertig gemacht, sondern dann, wenn sie gebraucht werden. Und meistens reicht das offenbar auch.

Ein anderes sehr eigenes Beispiel dafür ist dieses „Asprísoun“ – das schnelle Weißmachen vor dem Sommer. Eine Art saisonale Grundsanierung, die eher nach Wirkung als nach Substanz funktioniert.

Am Anfang dachte ich wirklich, hier wird renoviert. Richtig renoviert. Mit Vorbereitung, Abkratzen, Grundierung, allem, was dazugehört. Meine sehr deutsch geprägte Vorstellung von „erst ordentlich, dann schön“.

Die Realität ist oft einfacher: drüber streichen.

Über alles, was da ist. Auch über Dinge, die eigentlich nicht gestrichen gehören. Und wenn etwas im Weg steht, wird eben drumherum gemalt. Besonders charmant bei Blumentöpfen – die sollte man besser nicht verschieben, sonst entdeckt man plötzlich den perfekt ausgesparten Kreis im Boden und weiß ziemlich genau, wann zuletzt jemand Lust auf Farbe hatte.

Ich habe am Anfang zugesehen und innerlich leicht gezuckt. In mir lief permanent dieses Programm: „Aber das hält doch so nicht.“

Und genau das ist vermutlich der Punkt, an dem man merkt, dass man nicht einfach nur beobachtet, sondern selbst geprägt ist. Ich kann bis heute nicht einfach drüber streichen. Nicht bei Wänden jedenfalls. Es muss vorbereitet sein. Sonst fühlt es sich falsch an, auch wenn niemand außer mir es je bemerken würde.

Menschen schauen mich deshalb regelmäßig etwas irritiert an, wenn ich anfange zu kratzen, zu reinigen, zu grundieren. Und ja – es hält dann länger. Aber es dauert auch länger. Sehr viel länger. Und vermutlich ist genau das mein persönlicher Beitrag zur lokalen Unterhaltung.

Irgendwann habe ich aufgehört zu entscheiden, welches System besser ist. Planung oder Improvisation. Struktur oder Gelassenheit. Früh anfangen oder später reagieren.

Beides hat seine sehr eigenen Nebenwirkungen.

Die eine Seite organisiert Probleme, bevor sie existieren. Die andere wartet manchmal so lange, bis Probleme sich selbst anmelden. Und ich stehe irgendwo dazwischen und versuche, beides gleichzeitig ernst zu nehmen, was – wie sich herausgestellt hat – nur bedingt stressfrei ist.

Und vielleicht ist genau das das eigentliche Dazwischen: nicht ein Ort, sondern ein Zustand, in dem man gelernt hat, zwei Logiken gleichzeitig zu leben, ohne dass eine davon wirklich gewinnt.

Ein System, das funktioniert – und gleichzeitig manchmal genau deshalb anstrengend ist, weil es sich nie ganz entscheiden kann, auf welcher Seite es gerade steht.

Für mich ist das die ehrlichste Form von Bleiben: nicht angekommen im Sinne von abgeschlossen, sondern einfach geblieben in etwas, das weiterläuft, während man selbst gelernt hat, darin mitzuhalten.

Und während das Dazwischen längst Teil des Alltags geworden ist, bleibt im Rückblick etwas bestehen, das nie ganz verschwindet – genau dort beginnt: das Fremdbleiben.


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