Zwischen zwei Rhythmen – und aus Ankommen wird Bleiben (Teil 3)

Und dann lebt man hier, in Griechenland, auf Thassos.
Nicht als klarer Einschnitt und auch nicht als Entscheidung mit einem bestimmten Moment, sondern eher als etwas, das sich über die Zeit einfach ergeben hat. Irgendwann steht man nicht mehr außen daneben und schaut darauf, sondern ist mittendrin in einem Alltag, der einfach weiterläuft, ohne dass er groß gefragt hat.

Arbeit, Schule, Einkaufen, Termine, Garten, Tiere, Reparaturen – all das füllt die Tage, ohne dass es sich noch wie etwas Besonderes anfühlt. Es ist einfach das, was passiert. Und irgendwann merkt man: Bleiben ist nichts, das man ständig neu entscheidet, sondern etwas, das längst passiert ist.

Mit der Zeit verschwinden auch diese gedanklichen Zwischenräume, in denen man noch in Saisons lebt oder innerlich schon wieder aufbricht. Die Frage, ob man eigentlich noch da ist oder wieder geht, wird irgendwann leiser, weil sie praktisch keine Rolle mehr spielt.

Trotzdem gibt es Momente, in denen man merkt, dass ein anderes Leben noch irgendwo im Hintergrund existiert.
Manchmal sind es ganz einfache Dinge. Ein bestimmtes Brot zum Beispiel, Schwarzbrot oder ein richtig gutes Bäckerbrot am Morgen, wie es hier so nicht existiert. Oder Straßen, die gleichmäßiger sind, ohne dieses ständige Ausweichen um Schlaglöcher.
Oder Autos, die nicht bei jeder Fahrt Geräusche machen, als hätten sie eine eigene Meinung zur Strecke.

Auch die Sommerabende gehören dazu. In Deutschland zieht sich das Licht lange, der Tag wird langsam dunkel, man sitzt noch draußen und merkt irgendwann nur nebenbei, dass es eigentlich schon spät ist. Hier ist das anders. Der Sonnenuntergang kommt früher, der Übergang ist kürzer, der Abend beginnt schneller. Man gewöhnt sich daran, aber manchmal fällt es trotzdem wieder auf.

Sonnenuntergang in Griechenland auf dem Weg mit der Fähre nach Thassos

Solche Dinge verändern nichts Grundsätzliches, sie tauchen nur kurz auf und verschwinden wieder im Alltag.
Der Alltag hat sich längst gesetzt.
Die Insel ist kein Ort mehr, den man kennenlernt, sondern einer, in dem man sich auskennt. Man weiß, welche Straßen im Sommer besser gemieden werden und wo man trotzdem noch einen Parkplatz findet, auch wenn alles voll wirkt – inklusive der stillen Kunst, sich zwischen Touristenautos, Lieferwagen und einem völlig entspannten Moped hindurchzuschlängeln. Dieses Wissen entsteht nicht bewusst, sondern einfach über Jahre – zusammen mit der Erkenntnis, dass Ziegen hier offenbar ein stilles Mitspracherecht im Straßenverkehr haben.

Auch die Menschen gehören inzwischen dazu.
Man begegnet sich immer wieder, im Supermarkt, im Café, bei Behörden oder einfach irgendwo im Alltag. Und irgendwann kennt man nicht nur Gesichter, sondern auch Gewohnheiten. Wer immer zuerst meckert. Wer grundsätzlich zu spät kommt. Wer überzeugt ist, dass früher alles einfacher war. Und man selbst ist längst auch Teil dieser Sammlung geworden, ohne es zu planen.

Der Kaffee auf derselben Terrasse gehört genauso dazu wie die Tatsache, dass man längst nicht mehr bestellen muß. Irgendwann stellt der Kellner den Kaffee einfach hin, noch bevor man richtig sitzt, was gleichzeitig sehr freundlich ist und einem deutlich zeigt, dass man inzwischen zu den vorhersehbaren Menschen gehört.

Bleiben bedeutet dabei nicht, dass alles stehen bleibt.
Auch der Ort verändert sich weiter, während man dort lebt. Straßen werden neu gemacht oder verfallen wieder, Häuser werden verkauft, renoviert oder bleiben leer stehen. Cafés verschwinden, neue kommen dazu, Nachbarn ziehen weg, Kinder werden größer, ältere Menschen fehlen irgendwann plötzlich. Selbst die Insel bleibt nicht dieselbe, nur weil man geblieben ist.

Man merkt das oft erst im Vergleich zu den ersten Jahren. Wege, die früher still waren, sind voller geworden. Manche Orte wirken moderner, andere müder. Dinge, die am Anfang fremd waren, verschwinden langsam aus dem Blick, während neue Veränderungen auftauchen, die einem kaum auffallen, weil man inzwischen dazugehört.

Auch der eigene Alltag verändert den Ort ein Stück weit mit. Der Garten wächst nicht einfach von allein, Häuser werden bewohnt, Tiere gehören irgendwann selbstverständlich dazu, Kinder hinterlassen Spuren. Feste wiederholen sich über Jahre am selben Platz und machen ihn zu etwas Eigenem. Aus einem Ort, an dem man einmal angekommen ist, wird mit der Zeit ein Ort, den man selbst mitgeprägt hat.

Der Garten ist längst kein Projekt mehr, sondern ein eigener kleiner Lebensraum geworden.
Der Feigenbaum war am Anfang nur ein kleines Pflänzchen im hohen Gras, fast nicht sichtbar. Heute ist daraus ein richtiger Baum geworden, der jedes Jahr trägt und einfach da ist.
Andere Bäume sind verschwunden oder wurden ersetzt. Manche sind alt geworden, haben aufgehört zu tragen, und an ihrer Stelle sind neue gewachsen. Kein großes Ereignis, eher ein stilles Weitergehen, das man erst im Rückblick richtig merkt.

Der Feigenbaum im Garten ist vom Bäumchen zum Baum geworden.

Der Garten zeigt inzwischen sehr deutlich, dass dort Zeit passiert ist.
Er ist auch ein Ort geworden, an dem sich vieles sammelt. Geburtstage finden dort statt, aber vor allem die großen gemeinsamen Tage.
Zu Ostern kommt jedes Jahr die griechische Familie zusammen. Der große gemauerte Grill aus Stein ist dann ständig in Betrieb. Es wird gleichzeitig gegrillt, gewendet, diskutiert und nachgelegt, während Chronis am Feuer steht, als wäre das seine natürliche Position im Leben. Kinder laufen durch den Garten, Dinge liegen irgendwo, niemand sortiert das ernsthaft. Irgendwann akzeptiert man, dass Ordnung hier eher ein kurzfristiger Zustand zwischen zwei Familienbesuchen ist. Hunde und Katzen bewegen sich dazwischen, als hätten sie nie etwas anderes gekannt.

Später wurde dort auch das erste Tier begraben. Ein Moment, der nicht geplant war und trotzdem geblieben ist. Heute sind es mehrere. Jedes dieser Gräber gehört zu einer anderen Zeit am gleichen Ort, auch wenn man im Alltag nicht ständig daran denkt.

Dann kam irgendwann ein Lastwagen aus Deutschland.
Mit Kisten, Möbeln und Dingen, die lange irgendwo standen oder zwischengelagert waren. Vieles war vertraut, aber plötzlich an einem anderen Ort. Kein großes Ereignis, eher etwas sehr Praktisches, das trotzdem klar macht, wie viel sich verschoben hat.

Auch die Feiertage gehören inzwischen selbstverständlich dazu.
Namenstage sind hier kein Nebenthema, sondern Teil des Jahres. Man bekommt Nachrichten, Anrufe, manchmal Blumen oder Besuch. Besonders im Kopf geblieben ist der erste eigene Namenstag am 25. November – Katharina – obwohl ich eigentlich nur Katja heiße. Nichts Großes, eher etwas, das sich einfach eingeprägt hat.

Auch Ostern ist längst ein fester Ablauf im Jahr geworden.
Die Kirche gehört ebenfalls dazu, auch wenn sie am Anfang fremd war.
Die Gottesdienste sind lang, voll und in Bewegung. Am Anfang versucht man noch zu verstehen, was gerade passiert. Später akzeptiert man einfach, dass man vermutlich zu spät aufgestanden oder an der falschen Stelle sitzen geblieben ist. Vieles läuft auf Altgriechisch, und selbst viele Einheimische verstehen nicht jedes Wort. Meist sind es nur einzelne bekannte Stellen, bei denen man automatisch mitgeht – besonders dort, wo sich alle bekreuzigen. Der Rest ergibt sich aus Ablauf und Wiederholung.

Am Anfang steht man eher daneben, später steht man einfach drin.

Sprache war am Anfang etwas, das man bewusst gelernt hat.
Einzelne Wörter, viel Nachfragen, viel Improvisation. Und die ständige Hoffnung, dass man gerade nicht versehentlich etwas völlig anderes gesagt hat als beabsichtigt. Dann ein staatlich geförderter Sprachkurs bei einer griechischen Philologin, die nicht nur Grammatik erklärt hat, sondern auch die Herkunft von Wörtern und ihre Zusammenhänge. Das hat geholfen, Sprache nicht nur zu benutzen, sondern zu verstehen.

Irgendwann wird daraus Alltag.
Griechisch und Deutsch laufen nebeneinander, ohne ständiges Übersetzen im Kopf. Und irgendwann passiert etwas sehr Unspektakuläres: Man denkt nicht mehr in einer Sprache und übersetzt, sondern denkt einfach in der Sprache, in der man gerade spricht.
Das passiert leise, ohne dass man es merkt.

Auch die offiziellen Dinge gehören irgendwann selbstverständlich dazu.
Verträge, Versicherungen, Arbeit, Steuern, Behörden – all das ist Teil des Lebens geworden. Man fragt nach, lernt dazu und versteht mit der Zeit immer genauer, wie Dinge funktionieren.
Irgendwann kennt man sich in Bereichen aus, mit denen man früher nichts zu tun hatte. Arbeitsrecht zum Beispiel. Nicht freiwillig natürlich, sondern so, wie man sich plötzlich auch mit Wasserpumpen, Stromausfällen oder sehr speziellen Steuerformularen beschäftigt – Dinge also, bei denen man früher nicht einmal wusste, dass sie existieren, geschweige denn, dass sie regelmäßig eigene Pläne machen. Nicht aus Interesse, sondern weil man wissen wollte, was man tut, wenn Dinge unklar werden.

Mit dem Bleiben kommen auch die weniger leichten Seiten dazu.
Krankheit, Geld, Unsicherheiten, Rechnungen, Reparaturen – Dinge, die früher zwischen zwei Aufenthalten kaum Gewicht hatten, bleiben jetzt einfach da.
Und genau das gehört dann ebenfalls dazu.

Dann sind da die Kinder.
Für sie ist das alles selbstverständlich.
Zwei Sprachen, zwei Länder im Hintergrund, ohne Bruch dazwischen. Griechenland ist kein besonderer Ort, sondern einfach der Alltag.
Das merkt man in kleinen Dingen. Wenn sie mitten im Satz die Sprache wechseln und dabei völlig selbstverständlich erwarten, dass alle Erwachsenen problemlos folgen können. Oder wenn sie Dinge erklären, während Erwachsene noch überlegen, was gerade passiert.

Mit ihnen wird auch die eigene Zeit hier klarer.
Deutschland ist nicht verschwunden, aber es ist anders geworden. Ein Besuch dort ist kein Heimkommen mehr, sondern eher ein Wechsel in einen anderen Teil des eigenen Lebens.
Beides gehört dazu, aber nichts davon ist mehr vollständig getrennt.

Und auch die großen persönlichen Ereignisse verändern sich mit der Zeit in der Wahrnehmung.
Meine eigene Hochzeit war am Anfang noch etwas Fremdes. Vieles davon habe ich damals wahrscheinlich mehr beobachtet als verstanden, was rückblickend immerhin erklärt, warum ich auf manchen Fotos leicht orientierungslos wirke. Die Zeremonie, die Abläufe, die Traditionen – vieles ging eher an mir vorbei, ohne dass ich es richtig einordnen konnte. Ich war dabei, aber eher beobachtend als vertraut.

Nach der Hochzeit vor der Kirche

Heute ist das anders. Nicht, weil sich die Rituale geändert hätten, sondern weil Zeit vergangen ist und weil man geblieben ist. Man hat viele Hochzeiten miterlebt, als Gast, als Teil davon, als jemand, der inzwischen weiß, wie diese Abläufe hier funktionieren.
Und genauso war es später bei der Taufe der Zwillinge. Nicht mehr fremd, sondern vertrauter. Man steht nicht mehr daneben, sondern ist einfach Teil des Ablaufs und weiß, was als Nächstes kommt.

Auch das wird irgendwann selbstverständlich.
Bleiben heißt am Ende vor allem, dass der Alltag weiterläuft.
Arbeit, Schule, Einkaufen, Kochen, Termine, Reparaturen. Dinge werden nicht mehr verschoben, sondern gemacht. Und wenn etwas nicht funktioniert, bleibt man stehen und kümmert sich darum.
Früher war vieles offen. Heute ist vieles einfach da und läuft weiter.

Und manchmal sitzt man abends draußen, hört das Haus, den Garten, die Kinder, die Katzen irgendwo dazwischen – und dann gibt es diesen ganz normalen Moment, in dem nichts Besonderes passiert und genau deshalb alles stimmt. Der Tag ist einfach zu Ende gegangen, wie so viele andere auch, ohne dass er noch erklärt werden müsste.

Vielleicht ist genau das am Ende Bleiben:
Nicht nur länger irgendwo zu sein, sondern gemeinsam mit diesem Ort älter zu werden, während beide sich langsam weiter verändern.

Und während das Bleiben längst Alltag geworden ist, zeigt sich im Rückblick das, was dazwischen weiterlebt – genau dort beginnt: das Dazwischen bleibt.


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