Manchmal frage ich mich, wie viele Leben eigentlich in ein einziges passen. Offiziell lebe ich in Griechenland, schreibe über Kultur, Identität und dieses leicht chaotische Gefühl, zwischen Deutschland und Griechenland gleichzeitig zu Hause zu sein. Inoffiziell habe ich jedoch noch ein zweites Leben – eines, das leiser ist, aber erstaunlich hartnäckig: das meiner Familiengeschichte.
Und die reist mit. Ohne Einladung. Aber sehr zuverlässig.
Denn ich bin Kriegsenkel. Und das bedeutet, dass meine Geschichte nicht erst bei mir beginnt.
Meine Mutti und meine Omi waren Flüchtlinge aus Elbing. Sie mussten ihre Heimat plötzlich und endgültig verlassen, mit wenig mehr als dem, was sie tragen konnten. Mein Vater wiederum hat das brennende Bremerhaven erlebt – eine Kindheitserfahrung, die sich nicht einfach in eine Anekdote verwandelt, sondern eher in eine innere Dauerwahrheit.
Und doch wurde darüber in der Familie kaum gesprochen.
Weder meine Großeltern noch meine Eltern haben wirklich über Krieg, Flucht oder Verlust erzählt. Diese Themen waren nicht offen präsent, sondern eher wie verschlossene Türen innerhalb unserer Wohnung – da war etwas, aber es blieb dahinter. Man wusste, dass sie existieren, aber sie blieben geschlossen. Stattdessen gab es knappe Sätze oder ausweichende Antworten wie „das war eben so“ oder „man musste eben weitermachen“ – und dann ging das Leben weiter.
Als Kind spürt man trotzdem, dass etwas da ist, auch ohne Worte. Es ist, als würde man ein Gespräch hören, bei dem der Ton fehlt. Man sieht die Bewegungen, erkennt die Stimmung, aber die Bedeutung bleibt unklar. Genau diese Lücken füllt man später selbst – oft mit Gefühlen, für die es keinen klaren Namen gibt.
Vielleicht ist genau dieses Schweigen das, was am tiefsten weiterwirkt. Denn was nicht ausgesprochen wird, verschwindet nicht. Es verändert nur seine Form. Es wird zu Vorsicht, zu innerer Anspannung und zu diesem leisen Gefühl, besser vorbereitet sein zu müssen – auch dann, wenn es keinen konkreten Anlass gibt.
Und so sitze ich heute in Griechenland, schaue aufs Meer, trinke meinen Kaffee – und merke, dass diese innere Geschichte trotzdem mitgereist ist. Nur eben gut verpackt, zwischen Alltag, Erinnerungen und ganz pragmatisch zwischen Reis, Nudeln und Konservendosen.
Denn wenn es etwas gibt, das ich ziemlich zuverlässig übernommen habe, dann ist es die Kunst der Vorratshaltung. Während mein Umfeld hier oft nach dem Prinzip lebt, Dinge erst dann zu besorgen, wenn sie gebraucht werden, läuft in mir ein anderes System: lieber etwas mehr da haben. Nur für den Fall.
Für welchen Fall genau, bleibt dabei erstaunlich offen.
Das Ergebnis ist ein Vorratsschrank, der weniger mit Hunger zu tun hat als mit Geschichte. Ein System, das einer alten Logik folgt: Sicherheit entsteht dadurch, dass nichts fehlt.
Und manchmal nimmt das sehr konkrete Formen an. Deutsche Leberwurst zum Beispiel. Ein unscheinbares Produkt in Deutschland, in Griechenland plötzlich ein kleines Luxusgut. Wenn man sie findet, wird sie nicht einfach gekauft – sie wird gesichert. Für später. Für alle Fälle. Für das gute Gefühl.
„Man weiß ja nie“, sagt dann eine leise Stimme im Hintergrund.
Und genau da schließt sich der Kreis zur Vergangenheit ganz unauffällig.
Auch Erinnerungsstücke haben bei mir einen besonderen Status. Es sind nicht einfach alte Dinge, sondern kleine Zeitkapseln, die man nicht wegwerfen kann, ohne kurz innezuhalten. Eine Eintrittskarte, ein handgeschriebener Zettel, ein Souvenir aus einem längst vergangenen Urlaub – eigentlich haben sie keinen praktischen Nutzen mehr, aber emotional bleiben sie erstaunlich lebendig. Während andere sagen würden „kann weg“, entsteht bei mir eher der Gedanke: Das erzählt ja noch etwas. Und so wächst neben dem Praktischen ein stilles Archiv aus Momenten, das sich nicht ordentlich sortieren lässt, aber dennoch seinen Platz behält.
Das Gleiche gilt für das Horten. Es sind nicht nur Lebensmittel, sondern auch Gläser, Tüten und Dinge, bei denen man denkt: Das könnte man noch brauchen. Während andere großzügig aussortieren, beginnt bei mir innerlich oft eine kleine Verhandlung zwischen Vernunft und Gefühl – manchmal eher ein diplomatischer Krisengipfel. Denn Wegwerfen ist hier kein harmloser Akt des Aufräumens, sondern eine Entscheidung mit möglichen Nebenwirkungen. Was, wenn genau dieses eine Glas irgendwann fehlt? Oder diese eine Tüte? Oder dieses Kabel, das seit Jahren keinen erkennbaren Zweck erfüllt, aber theoretisch jederzeit wichtig werden könnte?
So wird aus „Ich räume mal auf“ schnell ein „Ich entscheide gerade über meine Zukunftssicherheit“.
Und gleichzeitig wirkt das Leben in Griechenland immer wieder wie ein Gegenentwurf dazu. Hier ist vieles spontaner, direkter und gelassener. Wenn etwas fehlt, wird improvisiert. Wenn etwas kaputtgeht, findet sich eine Lösung. Es gibt ein Vertrauen in den Moment, das nicht aus Kontrolle entsteht, sondern aus Erfahrung mit dem Leben selbst.
Und genau in diesem Spannungsfeld versuche ich, zwischen den Rhythmen von Walzer und Syrtaki mitzuhalten.
Der Walzer steht für Struktur, Planung und Absicherung – für das Bedürfnis, alles im Blick zu haben.
Der Syrtaki dagegen steht für Bewegung, Improvisation und das Vertrauen, dass sich Dinge im Tanzen entwickeln dürfen.
Lange Zeit fühlte sich das wie ein Entweder-oder an: Kontrolle oder Leichtigkeit. Festhalten oder loslassen.
Heute wirkt es eher wie ein Sowohl-als-auch.
Denn vieles davon hat eine Geschichte. Auch das, was nie erzählt wurde. Auch das Schweigen in den Familien, das Krieg, Flucht und Verlust nicht in Worte gefasst hat, aber dennoch weitergegeben wurde – in Haltungen, Reaktionen und kleinen alltäglichen Entscheidungen.
Und gleichzeitig darf sich etwas Neues entwickeln.
Ich lebe heute in Griechenland, mit Sonne, Meer und einem Alltag, der mich immer wieder daran erinnert, dass nicht alles planbar sein muss und nicht jede Lücke sofort gefüllt werden muss. Und doch merke ich, dass sich alte, tief eingeübte Gewohnheiten nicht einfach ablegen lassen. Sie sind schneller als der Kopf, tauchen in Momenten auf, in denen längst Ruhe eingekehrt ist. Und selbst wenn der Verstand weiß, dass ein leerer Vorratsschrank kein Notfall ist, fühlt es sich manchmal kurz anders an – bevor man sich daran erinnert, dass er einfach nur leer ist.
Gut, ganz leer wird er vermutlich trotzdem nie. Man muss es ja nicht übertreiben.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt: nicht alles abzulegen, was geprägt hat, sondern einen freundlicheren Umgang damit zu finden. Ein bisschen Struktur behalten, wo sie Halt gibt – und mehr Leichtigkeit zulassen, wo sie möglich ist.
Und vor allem: sich selbst dabei mit Humor zu betrachten.
Zum Beispiel dabei, dass ich in einem Land lebe, in dem das Leben fließt – und trotzdem ziemlich genau weiß, wie viele Packungen Nudeln ich zu Hause habe. Dass ich zwischen Kulturen stehe – und zusätzlich eine unsichtbare Geschichte mit mir trage, die nie ganz leise wird. Und dass „Überlebensstrategie“ manchmal einfach bedeutet, auch im Mittelmeerraum eine zuverlässige Leberwurstreserve zu haben.
Am Ende ist es vielleicht genau das: ein Leben zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kontrolle und Vertrauen, zwischen Erinnerung und Neubeginn.
Und irgendwo dazwischen stehe ich. Mit Blick aufs Meer – und mit einer erstaunlich gut sortierten Sammlung an Dingen, die andere wahrscheinlich längst entsorgt hätten. Kabel, Schrauben, Tüten und Gläser gehören selbstverständlich dazu, ebenso wie viele kleine „Das-kann-man-noch-brauchen“-Objekte, die sich still über die Jahre angesammelt haben. Bei mir finden sie alle ihren Platz. Man weiß ja nie, wann sie wieder relevant werden.
Und trotzdem gibt es da diesen leisen Versuch, Dinge auch loszulassen. Manchmal gelingt er, überraschend leicht sogar, als würde etwas plötzlich von selbst seinen Platz finden und gehen dürfen. Und manchmal gelingt er eben nicht. Dann bleibt etwas stehen, wird nochmal in die Hand genommen, gedreht, betrachtet – und doch wieder behalten. Nicht aus Logik, sondern aus einem Gefühl heraus, das sich nicht so einfach verabschieden lässt.
Vielleicht ist genau das in Ordnung. Ein Leben, das nicht alles sofort loslässt, aber auch nicht alles festhält. Sondern beides kennt – und dazwischen seinen eigenen Rhythmus findet.
Kriegsenkel ist die inoffizielle Bezeichnung für Menschen, die familiär noch heute gelegentlich ein unsichtbares „Für den Fall der Fälle“-Abo auf Vorratshaltung, leise Anspannung und ungeklärte Familiengeschichten mitgeliefert bekommen haben – inklusive der merkwürdigen Fähigkeit, jederzeit exakt zu wissen, wo irgendwo noch ein Glas, ein Kabel oder eine Notration Leberwurst sein könnte.
Danke fürs Lesen. Ich gehe jetzt kurz den Vorrat checken – nur für alle Fälle.
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