Mein Bruder war kein großer Reisender.
Er war eher ein Zuhause-Urlauber.
Unter der Woche unterwegs, immer beschäftigt – und wenn endlich Wochenende oder Urlaub war, dann zog es ihn nicht in die Ferne, sondern zurück. Nach Hause. Vielleicht ein Ausflug, ein bisschen raus, aber immer mit dem Wissen, dass das Eigentliche dort ist, wo man ankommt, ohne suchen zu müssen.

Griechenland, Thassos unsere Insel, unser Haus hat er nie gesehen.
Er hat mich nie hier besucht.
Und trotzdem war und ist er auf eine seltsame Art immer dabei.
Alfred war acht Jahre älter als ich.
Alt genug, um schon fast erwachsen zu wirken, als ich noch mitten im Kindsein war.
Meine Mutter erzählt, dass er mich im Kinderwagen geschoben hat. Ich stelle mir das manchmal vor – er, der große Bruder, ich irgendwo zwischen Decke und Himmel, ohne zu wissen, wer da eigentlich hinter mir herläuft.

Wir waren drei Geschwister. Der mittlere Bruder heißt Mathias. Und es war fast wie ein Rhythmus: alle vier Jahre kam ein Kind – immer zu den Olympischen Spielen, wie mein Vater gern erzählte. Nach drei Spielen hat er dann allerdings den Leistungssport eingestellt… sein Humor eben.

Der Name Alfred hatte in unserer Familie eine gewisse Tradition.
Mein Bruder war Alfred III.
Mein Vater trägt denselben Namen, ebenso mein Großvater. Und mein Bruder hat diese Linie später weitergeführt – sein Sohn wurde Alfred IV.
Die Sammelleidenschaft hatte er dabei eindeutig von unserem Vater übernommen: Bücher, Briefmarken – Dinge, die sich vermehren, wenn man sie nur lange genug anschaut.
Wenn ihm etwas gefiel, hatte er die sogenannten Spendierhosen an. Dann wurde nicht gerechnet, dann wurde gemacht.
Ich erinnere mich noch an einen Besuch auf dem Hamburger Dom mit meinen Zwillingen. Alfred hat sie dort auf jedes Kinderkarussell geschickt, das er finden konnte – nicht einmal, sondern immer wieder, als gäbe es kein „genug“ an diesem Tag.
Und er hat Frida früh an eine seiner kleinen Leidenschaften herangeführt: das Glückspiel. Lose ziehen, kleine Gewinne, dieses kurze Aufleuchten von „vielleicht“. Bis heute hat sie daran Freude und zieht mit erstaunlicher Treffsicherheit ihre Lose.
Am Anfang teilten wir uns ein Schlafzimmer und ein Spielzimmer. Später mussten sich die Brüder ein Zimmer teilen, während ich mein eigenes bekam. Nicht ganz ohne Nebenwirkungen, denn mein Vater hatte zusätzlich einen ausgeprägten Anspruch auf „Bürofläche“ für seine Sammelleidenschaft.
Mit 18 ging er zum Studieren.
Von Bremen zog er nach Hamburg – und blieb dort.
Ich war da gerade mal zehn.
Vielleicht beginnt genau da dieses typische Geschwisterding: zwei Leben, die sich immer wieder berühren, aber nie ganz parallel laufen.

Wir nannten ihn Fredie.
Fredie hatte einen Dickkopf.
Was in unserer Familie keine besonders seltene Eigenschaft ist – eher so etwas wie Grundausstattung.
Er war bei allem ein bisschen „zu viel“.
Zu viel Meinung, die er mit voller Überzeugung vertreten konnte.
Zu viel Konsequenz in dem, was er für richtig hielt.
Und auch zu viel Zigaretten – als hätte er selbst da keine halben Sachen gekannt.
Weihnachten war deshalb selten ein reibungsloses Fest. Eher ein kleines emotionales Pulverfass. Man musste ein bisschen aufpassen, wer als Erstes etwas Falsches sagt – und mittendrin meine Mutter, die tapfer versuchte, das Ganze in Richtung „Familienidylle“ zu retten.
Fredie war intelligent, aber die Schule war nicht unbedingt sein natürlicher Lebensraum. Trotzdem hat er später Mathematik und Physik studiert – vermutlich aus Prinzip, um das System doch noch ein bisschen herauszufordern.
Er liebte Western und Science-Fiction.
Im Science-Fiction-Genre war er der Experte, der Dinosaurier – er schrieb sogar Buch-Kritiken darüber. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass er bei manchen Filmen innerlich mehr Noten verteilt hat als die IMDb.

Das war nie ganz mein Gebiet, auch wenn wir eine gemeinsame Ausnahme hatten: Raumschiff Orion.
Was wir beide mochten, war Fantasy.
Er hat mich damals ins Kino in „Der Hobbit“ gebracht – die Zeichentrickversion, lange bevor Fantasy plötzlich überall war.
Ich erinnere mich nicht mehr an jedes Detail des Films, aber an das Gefühl in eine ganz andere Welt, in eine Fantasie einzutauchen.
Und bis heute ist es so, dass ich bei Fantasy – besonders bei Der Hobbit und Herr der Ringe – immer auch an ihn denke.
Manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, seine möglichen Kritikpunkte zu finden. Was hätte er gesagt? Wo hätte er die Stirn gerunzelt, wo vielleicht doch leise genickt?
Als würde ich auf diese Weise noch einmal mit ihm darüber diskutieren.
Und diesen trockenen Humor hatte er, der manchmal erst einen Moment später zündet – ungefähr so zuverlässig wie ein guter schlechter Witz.
Ich glaube, er hätte es gemocht, wie wir ihn verabschiedet haben.
Wie wir seine Urne zu den Klängen von „Always Look on the Bright Side of Life“ aus der Kapelle getragen haben. Ein bisschen schräg, ein bisschen unangepasst – und genau deshalb ziemlich Fredie.
Als Jugendliche habe ich ihn in Hamburg besucht.
Er nahm mich mit auf die Reeperbahn – was ich hier vielleicht besser nicht zu laut erzähle, weil ich damals offiziell noch nicht alt genug war, um sehr cool zu sein.

Er in seinem Staubmantel, mit Westernstiefeln und Stetson.
Ich daneben, irgendwo zwischen Popper-Look und kompletter Orientierungslosigkeit.
Es muss ein ziemlich schräges Bild gewesen sein.
Aber für mich war er ein Vorbild.
Und plötzlich hörte ich auch seine Musik.
Johnny Cash, Willie Nelson, Dolly Parton –
diese Stimmen, die nach Weite klangen, nach staubigen Straßen und Geschichten, die größer waren als der Moment.
Es gab eine Zeit, da haben wir lange nicht miteinander gesprochen.
Wir hatten uns gestritten – ich glaube, es ging um eine Wegbeschreibung. So banal, dass man sich im Nachhinein fragt, wie Erwachsene überhaupt so etwas ernst nehmen konnten.
Was bleibt, ist nur dieses Wissen, wie unnötig es war.
Heute bereue ich jede Minute, in der wir nicht miteinander gesprochen haben.
Wir waren vielleicht nicht eng im klassischen Sinn.
Nicht dieses tägliche, selbstverständliche Miteinander, das andere Geschwister haben.
Aber wir hatten unseren Kontakt.
Immer wieder.
Und diese eine Anrede, die geblieben ist:
Schwesterherz.
Und dann gibt es diesen anderen Ort in meinem Leben.
Griechenland.
Ich habe schon vor seinem Tod hier gelebt, zwischen zwei Ländern, zwischen zwei Alltagen. Griechenland war damals schon mein Gegenpol zu Deutschland – ein anderes Licht, ein anderes Tempo, ein anderes Gefühl von Leben. Und trotzdem blieb Deutschland immer der Ort, an dem er war. Praktisch gesehen deutlich besser erreichbar als Griechenland – zumindest für jemanden ohne Flugleidenschaft.
Sein Tod kam plötzlich. Unerwartet. Von einem Tag auf den anderen war da etwas weg, das vorher selbstverständlich war. Keine neuen E-Mails mehr, keine Antworten, kein „Fredie eben“. Einfach Stille auf einer Leitung, die vorher noch zuverlässig im Betrieb war.
Und sofort kam dieses Gefühl: Es war zu wenig Zeit gewesen.
Zu wenig Besuche in Hamburg.
Zu viele Gedanken wie „das machen wir beim nächsten Mal“.
Zu oft dieses sehr menschliche Prinzip, dass man denkt, andere Menschen hätten eine Art unbegrenzte Verlängerung.
Viele große Ereignisse hat er nicht mehr erlebt. Dinge, bei denen ich heute automatisch denke: Das hätte er kommentiert. Wahrscheinlich nicht kurz, und ziemlich sicher mit einer klaren Meinung, die nicht unbedingt zur allgemeinen Harmonie beigetragen hätte – aber immerhin mit Überzeugung.
Und genau das macht seine Abwesenheit so eigenartig in meinem Leben zwischen den Ländern.
Denn sie ist nicht an einen Ort gebunden.
Obwohl er niemals hier war, ist er in Griechenland genauso präsent wie in Deutschland – vielleicht sogar auf eine andere Weise. In Deutschland ist er Erinnerung, Familie, Vergangenheit. In Griechenland ist er manchmal einfach ein fehlender Kommentar im Alltag. Ein innerer Einwand. Oder dieses leise Gefühl, dass er zu einer bestimmten Situation definitiv etwas gesagt hätte – vermutlich ungefragt.
Und vielleicht ist das das Seltsame daran:
Dass „zu wenig Zeit“ sich nicht mehr reparieren lässt. Egal in welchem Land man ist. Auch nicht durch geografische Distanzoptimierung oder spätere Nachholversuche.
Heute ist sein Todestag. Der 9.
Fredie hätte an dieser Stelle vermutlich angemerkt, dass „spätere Nachholversuche“ in der Praxis selten Teil eines soliden Lebensplans sind.
Danke fürs Lesen.
Und falls euch dabei irgendwann ein etwas zu überzeugender Gedanke begegnet – einfach kurz daran denken, dass er ihn vermutlich genauso vertreten hätte.
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