Es gibt Orte, die tragen wir ein Leben lang in unserem Herzen. Orte, an denen unsere Geschichte beginnt und von denen wir glauben, dass sie immer unsere Heimat bleiben werden. Für mich war Bremen immer dieser Ort. Hier bin ich geboren, hier bin ich aufgewachsen, hier liegen meine Kindheit und meine Jugend, meine Familie und unzählige Erinnerungen. Auch nachdem ich längst in Griechenland lebte und dort ein neues Zuhause gefunden hatte, sagte ich ganz selbstverständlich: „Ich fahre nach Hause.“
Erst bei meinem letzten Besuch habe ich gemerkt, dass ich diesen Satz wohl nicht mehr sagen werde.
Nicht, weil ich Bremen nicht mehr liebe. Im Gegenteil. Ich liebe diese Stadt noch immer. Oder liebe ich vielleicht die Erinnerungen, die in ihr wohnen? Seit meiner Rückkehr beschäftigt mich genau diese Frage.
Vielleicht beginnt das Älterwerden gar nicht mit den ersten grauen Haaren oder der Lesebrille. Vielleicht beginnt es in dem Moment, in dem man erkennt, dass man zwar an einen Ort zurückkehren kann, aber nicht mehr in das Leben, das man dort einmal geführt hat.
Zu jedem Besuch in Bremen gehört für mich seit vierzehn Jahren auch der Gang zum Osterholzer Friedhof. Es ist einer der wichtigsten Wege, die ich dort gehe. Nicht aus Pflichtgefühl. Niemand erwartet von mir, dass ich Blumen bringe oder ein Grab besuche. Ich tue es, weil dort meine Mutter ist. Oder besser gesagt: Weil dort der Ort ist, an dem ich ihr nahe sein kann.

Osterholzer Friedhof, Bremen – Kapelle und Teich
Foto: Jürgen Howaldt, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 DE
Der Osterholzer Friedhof besitzt eine besondere Ruhe. Wer ihn kennt, weiß, dass er kein düsterer Ort ist. Die alten Bäume spenden Schatten, Vögel singen, und wenn der Wind durch die Kronen streicht, entsteht dieses leise Rauschen, das alle anderen Geräusche für einen Moment verschwinden lässt. Es ist eine Stille, die nicht bedrückt, sondern zum Nachdenken einlädt.
Ich stand an ihrem Grab und merkte, dass ich gar nicht an ihren Tod dachte.
Vierzehn Jahre sind vergangen. Vierzehn Jahre, in denen das Leben weiterging. Ich habe gelernt, mit ihrem Fehlen zu leben. Trauer verändert sich mit der Zeit. Sie wird leiser. Sie drängt sich nicht mehr jeden Tag in den Vordergrund. Aber sie verschwindet nie ganz. Sie sitzt irgendwo im Herzen und meldet sich, wenn man ihr begegnet.
An diesem Tag dachte ich an ihr Lachen.

An ihre Wohnung.
An den Wohnzimmertisch.
Und an drei Worte, mit denen fast jeder meiner Besuche begann.
„Nun erzähl mal.“
Diese drei Worte waren viel mehr als eine Aufforderung. Sie waren eine Einladung. Eine Einladung, mein Leben mit ihr zu teilen.
Ich erzählte.
Von meinen Reisen als Reiseleiterin. Von Menschen, denen ich begegnet war. Von den kleinen Dramen, die sich auf Reisen manchmal abspielen und über die man später herzhaft lachen kann. Von Reisegästen, die ihren Koffer verloren hatten, obwohl er die ganze Zeit im Bus lag. Von Hotels, die auf Hochglanzprospekten deutlich größer wirkten als in Wirklichkeit. Von Kellnern mit trockenem Humor, Busfahrern mit Engelsgeduld und von den vielen Begegnungen, die in keinem Reiseführer stehen.

Und wir lachten.
Manchmal so sehr, dass wir mitten in einer Geschichte nicht mehr weiterreden konnten.
Meine Mutter hatte diese wunderbare Gabe, sich für alles zu interessieren. Sie hörte nicht nur zu, sie wollte verstehen. Wie lebten die Menschen dort? Was bewegte sie? Warum waren manche Dinge ganz anders als in Deutschland? Sie stellte Fragen, dachte mit und freute sich über jede neue Geschichte.
Wenn ich heute darüber nachdenke, war sie wahrscheinlich meine erste Zuhörerin. Lange bevor es meinen Blog gab, lange bevor ich Reisegeschichten aufschrieb, erzählte ich sie meiner Mutter.
Dabei blieb es nicht.
Sie und mein Vater haben mich während meiner Jahre als Reiseleiterin immer wieder besucht. Ob in Tunesien, auf den Kanaren, in Kenia oder später in Griechenland – sie wollten sehen, wo ich arbeitete und wie mein Leben aussah. Sie wollten die Landschaften erleben, die Hotels kennenlernen, die Orte, die Menschen und die Kultur.
Heute glaube ich, dass sie dabei nicht nur mich besuchten.
Sie erfüllten sich auch einen Traum.
Meine Mutter wäre gerne schon als junge Frau viel gereist. Aber wie bei vielen Menschen ihrer Generation fehlte dafür das Geld. Reisen war damals kein selbstverständlicher Teil des Lebens. Man arbeitete, gründete eine Familie und stellte die eigenen Wünsche oft hinten an.
Vielleicht ist sie gerade deshalb so neugierig geblieben.
Wenn sie mit meinem Vater unterwegs war, wollte sie nicht einfach Sehenswürdigkeiten abhaken. Sie interessierte sich für die Menschen. Sie fragte nach ihren Gewohnheiten, wollte wissen, wie sie lebten, was sie aßen, worüber sie lachten. Während andere Touristen fotografierten, begann sie Gespräche.
Ich glaube manchmal, dass ich meine Neugier auf die Welt von ihr geerbt habe.

Nach ihren Besuchen in meinen Zielgebieten reisten wir später in Bremen noch einmal gemeinsam. Bei einer Tasse Kaffee erzählte ich weiter. Von neuen Gästen, neuen Ländern und neuen Geschichten. Aus einer Reise wurden viele Reisen. Sie war vielleicht nicht überall selbst gewesen, aber sie kannte die Orte durch meine Erzählungen.
Heute fehlt mir nicht der Kaffee.
Den kann ich überall trinken.
Was mir fehlt, sind diese drei Worte.
„Nun erzähl mal.“
Denn darin steckte alles.
Interesse.
Zeit.
Zuwendung.
Liebe.
Während ich an ihrem Grab stand, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich gar nicht nur meine Mutter vermisse.
Ich vermisse diese Selbstverständlichkeit. Das Wissen, dass dort jemand sitzt, der hören möchte, was mein Leben gerade ausmacht. Jemand, der sich mit mir freut, mit mir lacht und manchmal auch den Kopf schüttelt, wenn wieder einmal etwas völlig Verrücktes passiert ist.
Dies war wohl der wichtigste Moment dieses Aufenthaltes „daheim„.
Nicht die Trauer.
Die Erkenntnis.
Mit meiner Mutter ist nicht nur ein Mensch gegangen. Mit ihr verschwanden auch die kleinen Rituale, die Heimat ausgemacht haben. Es gibt keine Gespräche mehr, die mit „Nun erzähl mal“ beginnen. Niemand wartet darauf, dass ich von meinen Reisen berichte. Niemand kennt noch all die Geschichten, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben.
Als ich den Friedhof verließ, wurde mir klar, dass ich etwas begriffen hatte, wofür mein Herz viele Jahre gebraucht hatte.
Heimat besteht nicht aus Straßen, Häusern oder Sehenswürdigkeiten.
Heimat sind Menschen.
Solange meine Mutter lebte, war Bremen für mich mehr als meine Geburtsstadt. Es war der Ort, an dem jemand auf mich wartete. Der Ort, an dem meine Geschichten weitererzählt wurden. Der Ort, an dem ich nicht Reiseleiterin oder Auswanderin war.
Ich war einfach ihre Tochter.
Mit diesem Gedanken fuhr ich weiter in die Stadt. Die Straßenbahn klingelte wie eh und je. Menschen saßen vor den Cafés, eilten mit Einkaufstaschen durch die Innenstadt oder unterhielten sich auf dem Marktplatz. Bremen wirkte gelassen, fast so, als wollte die Stadt sagen: „Ich bin noch dieselbe.“
Vielleicht hatte sie recht.
Die Stadt war geblieben.
Doch mein Zuhause, das wartete längst nicht mehr hier.
Vielleicht werde ich deshalb auch in Zukunft sagen: „Ich fahre nach Bremen.“ Aber „nach Hause“ werde ich wohl nicht mehr sagen.

Schnoorviertel, Bremen – Foto: Lucas Kaufmann, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
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